Ein wesenloser Frühling übt sich in Ironie

 Am Morgen danach

 

Am Morgen danach

werden wir

unsere dünn gewordene Haut streicheln

und jede Emotion

wird sich seiner eigenen Potenz ergeben.

 


Am Morgen danach

werden wir

den verpassten Frühling zu uns holen

und jede Blüte

wird in ihrer versehentlich verfrosteten Pracht uns begehren.

 


Am Morgen danach

werden uns

unsere feiner gewordenen Sinne überraschen

und jeder Gedanke

wird nicht nur unser Eigen sein,

 


da viele träumten, liebten und lebten,

was auch wir empfanden –

Hoffend auf Wiedergeburt:

am Morgen danach.

 

(03/2020)

 

die stille zählt geduld in fäden

 

wir sind umstellt

von unsichtwänden

glasblumen zu uhren

 


weiß ist rein

weiß ist immun

in formen und in leere

 


im eisbeton ein denken starrt

zerkühlt zu langem warten

 


die stille schweigt

inmitten hier und

knüpft den ausgangsfaden



(12/2020)

 

 

zauberspruch

 

überschlagen soll’n sich wellen

ihre weißen zungen recken

nach dem schmalen strande strecken

zu des ufers warme Schwellen

 


überborden alle schranken

bis die flutend gischt bricht ein

über ufers felsenbein

und des strandes weiße flanken

 


überfliegen soll’n sie gründe

in verborg’nen wasserfluren

zu verwirbeln schlammesspuren

dass in tiefe sich entzünde

 


die geburt der neuen stunden

ohne übertrag der zeit

als geschenk im wehend kleid

das verschließe klaffend wunden

 


überschlagen soll’n sich wellen

ihre weißen zungen recken

nach dem schmalen strande strecken

zu des ufers warme schwellen

 

(11/2020)

 

 

Wünschen

 

Dem Wünschen wohnt ein Zauber inne,

ein Märchenstück, vielleicht Magie?

 


Doch wenn ich weiter drüber sinne,

so könnt’ mein Wunsch statt Harmonie,

ein still’ Begehren, das ich trage,

das schüchtern klopft an meine Brust,

erwecken. So, dass ich nun wage,

ein Wort zu formen, mir bewusst

zu werden, dass ich hoffen möchte

als allerersten kleinen Schritt …

 


Und wenn der Wunsch dann Wandel brächte,

mehr unerwünscht mit rohem Tritt?

Ich meine Welt mir selbst entzweite,

da ein Verlangen in mir trieb’

und Wünschens Willen voller Breite

in nimmersattem wilden Hieb

herniederging – Und da ein Gieren

noch niemals führte je zum Ziel ...

 


So bin ich zweifelnd, will sinnieren,

ist dieses Tuen doch kein Spiel!

Darf ich’s nun wagen zu erbitten?

Vielleicht nur etwas, das ganz klein?

Ich fürchte stets, dass sie entglitten,

die Dinge, die das Leben mein

zufrieden stimmen und erfüllen.

So bleibt mein Wünschen insgeheim …

 


Ein leises Träumen in den stillen

Zauber dieser Welt hinein.

(2019)

 

 

Brandenburgische Elegien

 

V.

 

Es ist ein Klang der Stille,

schneidend die Luft durchfurchend.

Diese rädrigen Schwingen – diese letzte Nacht,

und Nebel verschluckt ihr Angesicht.

 

Meine Schatten durchqueren die Wolken und

im Wetterleuchten Filmspulen erinnern sich

an das letzte, vorletzte und davor vorletzte Jahr.

 

In Wiederkehr meiner Ankunft

zum jeweiligen Abschied vor dem Neubeginn

ist diese Stille eine Welt:

 

Mein Jubel unter frostigem Metall unsichtbarer Sterne.

 

 

 

Mein Gedicht – gelesen von Rainer Doering:

Mein Blaues Klavier

Text: Else Lasker-Schüler

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Ich versichere, dass für das Lied „Mein blaues Klavier“ eine „Nicht-exklusive Vertonungsvereinbarung“ mit dem Suhrkamp Verlag geschlossen wurde. Darüber hinaus liegen von allen genannten Textdichtern Vertonungsgenehmigungen bzw. Einverständniserklärungen für das Streaming auf der Homepage vor.

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